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"Ich bleibe wo ich bin"

„Ich bleibe, wo ich bin“ oder „Ein Theaterstück entsteht“. Im Oktober 1996 führte uns unsere gemeinsame Begeisterung für das Theater und der Wunsch, auch in Neuerkerode Theater zu machen, in einer Fortbildungswoche zusammen. Toon Baro stellte seine Arbeit mit der Theatergruppe Tartaar im belgischen Zonnelid vor. Seine Erfahrungen und seine Kenntnisse machten uns Lust und Mut, uns konkret an ein Neuerkeröder Projekt zu wagen.
Doch die Rahmenbedingungen waren mehr als schwierig: In welchem Raum könnten wir uns treffen? Wie viel Zeit könnten wir neben unserer beruflichen Tätigkeit in Neuerkerode investieren? Welche Bewohner Neuerkerodes würden sich von unserer Begeisterung anstecken lassen?
Wir trafen uns zunächst jeden Freitagnachmittag für eineinhalb Stunden in der Turnhalle. Alle nötigen Requisiten wurden mit dem Handwagen und dem Auto hin- und hertransportiert. Das größte Problem bestand jedoch darin, aus höchst unterschiedlichen Einzelpersonen, ein Schauspielensemble entstehen zu lassen. Da waren die vier selbstbewussten theatererprobten Darsteller des LOT-Theaters in Braunschweig, denen manchmal die Trennung ihrer verschiedenen Rollen schwer fiel. Oder die Beschäftigten der Zoar-Werkstatt, die sich als Gruppe zwar schon lange kannten, die aber noch nie auf einer Bühne gestanden hatten. Einem von ihnen war das Theaterspiel untrennbar verbunden mit einem Zylinderhut. Nur mit dieser Kopfbedeckung war er überhaupt bereit, an den Übungen teilzunehmen. Eine andere war kaum in der Lage, Kritik anzunehmen. Auf jeden, noch so vorsichtig formulierten Vorschlag zur Verbesserung ihrer Darstellungen reagierte sie mit einem: “Hab ich doch gemacht!"

Nicht alle konnten bis zur Aufführung bei der Theatergruppe bleiben.
Wir begannen unsere Arbeit mit der Ausdrucksschulung des Körpers. Ein Ergebnis dieser Phase ist eben genau jene Szene, die oben kommentiert worden ist. Die rhythmischen Bewegungen und das gemeinsame Sprechen verlangten ein Höchstmaß an Konzentration und monatelange Übung und wirkten doch auf die Zuschauer befremdlich.
Nach Vorgaben wie z.B.: "Du bewegst dich traurig, wütend, fröhlich" übten sich die Darsteller in der Improvisation. Zur Unterstützung boten wir ihnen einen vielfältigen Fundus an Requisiten, Musik und Sprachmaterial an. Jeder probierte sich in den verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten. Immer neue Bilder entstanden, alte wurden verworfen, bestehende immer ausgefeilter, ordneten sich einander zu, wurden gemeinsam in einen geformten Kontext gebracht. Die Basis für das Stück “Ich bleibe, wo ich bin" war geschaffen. Von nun an änderte sich vieles für uns: wir konnten an eine erste Aufführung denken. Wir planten, wie wir die Neuerkeröder Öffentlichkeit uns aufmerksam machen könnten. Und wir fragten uns, wie wir an Geld kommen würden - Geld für eine Musikanlage und Geld für eine respektable Bühne. Und wir stießen auf offene Türen.
Je näher der Premieretermin rückte, desto größer wurde unsere Anspannung. Würden wir dem Vergleich mit den Belgiern standhalten können? Würden die Zuschauer unser Stück als das verstehen, was es ist - nämlich das Ergebnis eines ersten Erfahrungs- und Entwicklungsprozesses und nicht ein Theaterstück im herkömmlichen Sinn, bei dem der Inhalt unmissverständlich präsentiert wird.
Mut machte uns eine öffentliche Probe auf dem Braunschweiger Kohlmarkt, die uns viele positive Rückmeldungen bescherte.

Aber es gab auch die ganz konkreten Probleme: Die Aufführung sollte im Saronasaal in Neuerkerode stattfinden. Wir hatten bislang in der Turnhalle geprobt - die Umstellung auf den neuen Raum verunsicherte die Darsteller in hohem Maße. Parallel zu unseren Proben wurde ein Projekt des LOT-Theaters mit dem Theater Tartaar organisiert. Einige unserer Schauspieler fielen für Wochen aus dem Probenvorlauf heraus, da uns das Spielen zweier Rollen gleichzeitig unzumutbar erschien.
Eine Ganztagsprobe und die Generalprobe fanden nicht an einem Freitagnachmittag statt, für eine Schauspielerin eine nur unter Tränen zu akzeptierende Veränderung ihres Wochenplanes.
Zur Generalprobe erschien der eine völlig übermüdet und schlief auf der Bühne ein - er hatte bis vier Uhr morgens ferngesehen. Der andere kam gar nicht, weil er kurzfristig seine Mutter im Krankenhaus besuchte. Und der dritte kürzte plötzlich die lang einstudierten Wege ab, weil er sich ausgerechnet hatte, dass er “ja sonst vierundzwanzig Meter laufen müsste". Aber vielleicht stimmt die alte Regel ja wirklich: Geht die Generalprobe schief, wird die Premiere ein Erfolg: Die besondere Ausstrahlung der Schauspieler, ihre konzentrierte Haltung und die Intensität ihrer Darstellung hat viele Zuschauer beeindruckt und ein großes öffentliches Interesse hervorgerufen. Alle vier Vorstellungen waren ausverkauft.
Ein junger Mann, der nur zufällig in Braunschweig von der Aufführung gehört hatte, aber noch nie von Neuerkerode, kam nach dem Besuch der Premiere am Montag erneut, um sich das Stück noch einmal anzusehen. Eine Dame fragt sich die ganze Zeit, wer wohl auf der Bühne der Betreuer sei, der "so unsichtbar die Fäden zog".

ELEMENTE:LUFT

PREMIERE:
02. Februar, 20:00 Uhr


Weitere Spieltermine:
03. und 04. Februar, 20:00 Uhr
12. Februar, 17:00 Uhr
14. Februar, 11:00 Uhr
24. und 25. Februar, 20:00 Uhr

im LOT-Theater
Kaffeetwete 4a
Braunschweig
 
Vorverkauf:
unter lot@lot-theater.de
oder www.lot-theater.de
 
ELEMETNE:ERDE FLYER
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http://www.neuerkerode.de